Das Anlegen der Rettungsweste hatte ich immerhin schon geübt!

Meine Schiffsführerkarriere beinhalte zu diesem Zeitpunkt drei Anlegemanöver an Kanalmauern und eine Hafenein- und Ausfahrt. Nun stand zunächst das vierte Anlegemanöver an: an der Wartestelle für Sportboote vor der Schachtschleuse. Knoten brauchte es dort keine, denn nachdem meine Nichte mit dem Schleusenhaken das Geländer erwischte, konnte ich die Motoren abstellen und den Schleusenhaken übernehmen. Wir mussten auch nicht lange warten, dann wurde es grün und wir durften einfahren.

Nun war es Samstag und herrliches Wetter, die Schleuse war voll. Wir erwischten den vorletzten Platz und ich schaffte es tatsächlich irgendwie, die Schleusenmauer nur mittelschwer zu touchieren, während ich das Boot an die Spundwand legte. Dann schnell den eine Leine um den Poller gelegt und auf der sehr schmalen Reling (Fußbreite) der Sea Ray vor und zurück balanciert, um das Boot an Ort und Stelle zu halten. Vor waren Paddler in der Schleusenkammer und eine Familie in einem sehr kleinen Schlauchboot. Ich schwitzte bei dem Gedanken, dass diese unschuldigen Menschen ausgerechnet vor meinem Seelenverkäufer eine sichere Schleusung erwarteten. Dann meldete sich der Schleusenwärter mit einer sehr harschen Anweisung, doch bitte endlich das Boot festzumachen oder die Schleuse wieder zu verlassen. Sofort schaute ich, was ich wohl falsch gemacht hatte – doch es ging gar nicht um mich. Hinter mir waren zwei Experten damit beschäftigt, ein noch älteres und abgewrackteres Sportboot schleusenfertig zu machen. Dagegen war ich ein Profi.

Eine Talschleusung ist im Prinzip ja eine entspannte Sache und so ging alles glatt. Das Ausfahren begann und ich wartete schon mit laufendem Motor darauf, nun auch bald loszukommen. Kurz nachdem ich mich angemessen langsam in Bewegung gesetzt hatte, überholten mich die beiden Schleusenexperten in Gleitfahrt und schossen auch am Rest der frisch geschleusten Wassersportler vorbei. Sie produzierten eine Heckwelle wie die Queen Mary, doch mit einer tanzenden Sea Ray kannte ich mich ja inzwischen aus. Ich dachte an meine Freunde vom WSV Preußisch-Oldendorf und hoffte darauf, dass sich die Wege kreuzen mögen, schickte den beiden Deppen herzliche Grüße hinterher und steuerte die Weser an.

Keine fünf Minuten später tauchten die Stege des Motorbootclubs Minden vor uns auf und ich startete die Anlege-Operation. Vermutlich wird dieses Manöver dort immer noch ein erheiternder Bestandteil jedes Clubabends sein. Nach dem fünften oder sechsten Versuch traf ich endlich den Steg so, dass mich ein weiterer, sehr hilfreicher Geist, annehmen und die Sea Ray vertäuen konnte. Während meiner Anlegeversuche verabschiedete sich permanent der Steuerbordmotor – er ging einfach aus. Das macht er heute übrigens immer noch. Aber das nur nebenbei. So lässt es sich natürlich noch schwerer steuern und wie ich später erfuhr, macht es die Weserströmung an dieser Stelle vielen Skippern schwer, die Stege des MC Minden elegant anzusteuern. Es gibt dort keinen schützenden Hafen, die Stege liegen direkt am Weserufer. Und ich hatte an diesem Tag ein weiteres Handicap zu überwinden: Direkt neben den Stegen führt ein kleiner Flussarm zu einem Pumpwerk. Wenn das aktiv wird, erzeugt es eine eigene starke Strömung, die anders verläuft als die der ebenfalls strömungsstarken Weser. Muss ich erwähnen, dass das Pumpwerk gelegentlich auch Samstag nachmittags arbeitet?

Der hilfreiche Geist sorgte dafür, dass die Sea Ray einen Liegeplatz erhielt, gab uns einen Schlüssel zum Betreten des Vereinsgeländes und versorgte uns zu zivilen Preisen mit Getränken. Meine Nichte hatte einen USB-Adapter für die Steckdose dabei und so konnte ich die beste Ehefrau von allen informieren, wo wir gelandet waren und das wir abgeholt werden mussten. Die erste Fahrt endete also in Minden. Ein Städtchen, das ich in den nächsten Tagen, Monaten (und Jahren) noch öfter aufsuchen würde …

 

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